mundo mundo vasto mundo / welt welt weite welt — man könnte versucht sein, hinter dieser Verszeile einen zeitgenössischen Dichter des späten 20., wenn nicht gar des frühen 21. Jahrhunderts zu vermuten. Tatsächlich aber stammt sie aus der Feder eines der bedeutendsten Lyriker Amerikas, des Brasilianers Carlos Drummond de Andrade, dessen 100. Geburtstag in diesem Jahr von Kulturschaffenden und Literaturliebhabern seiner Heimat festlich begangen wird. Brasilien, ein Land, größer als ganz Europa, wird hier immer noch fast ausnahmslos mit dem touristischen Klischee von Samba, Lambada, Carnaval gleichgesetzt. Gehören sie zweifellos zu seinem Leben, so machen sie doch lediglich einen geringen Teil davon aus; der faszinierende Facettenreichtum der Kultur dieses Landes von wahrhaft kontinentalen Ausmaßen liegt noch heute für jeden Liebhaber weitgehend im Dunkeln. Es entspricht leider der Tradition eurozentristischer Denk- und Empfindungsart, sogar den Rändern des eigenen Kontinentes kulturell, insbesondere musikalisch, kaum Beachtung zu schenken, ihr Potential allenfalls unter dem Etikett Folklorismus als Randerscheinungen zu betrachten: Wieviele Musikliebhaber, ja, selbst wieviele Berufsmusiker kennt heute spanische Komponisten neben Manuel de Falla oder finnische Musikschöpfer neben Jean Sibelius? Diesen Zustand zu ändern, Anregungen zu bieten, die den Blick weiten helfen, ihn öffnen können für den ungeheuren kulturellen Reichtum auch der außereuropäischen Kulturen, einem solchen Vorhaben haben sich in Jahre 2002 an der Spitze einer über dreißigköpfigen Mannschaft zwei brasilianische Musiker gewidmet: Der Bariton Renato Mismetti und der Pianist Maximiliano de Bito. Durch ihre Herkunft, außergewöhnliche Talente und spartenübergreifende Kompetenz sind beide für ein solches Vorhaben prädestiniert. Die musikalische Fachzeitschrift New York Concert Review schrieb nach einem Konzert in der Weill Recital Hall at Carnegie Hall im November 2000: „Sich einen besseren Botschafter zur Förderung des brasilianischen Kunstliedes vorzustellen als Renato Mismetti scheint kaum denkbar"; über das Konzert im Markgräflichen Opernhaus Bayreuth (2001) urteilte Der Neue Merker aus Wien: „Deutlich muß der kulturelle Einsatz der beiden Interpreten Mismetti und de Brito hervorgehoben werden, die auch diese Werke mit einfühlsam zupackender Art zum Klingen bringen". Einer der heute profiliertesten amerikanischen Komponisten, der Brasilianer Marlos Nobre, schrieb: „Einem Komponisten kann nichts Besseres widerfahren, als Interpreten Eures Ranges zu finden" und nannte beide „wahre Heroen der brasilianischen Musik". Seine Kollegin, die Komponistin und Musikethnologin Kilza Setti, scheute sich nicht, nach der Uraufführung ihres Liederzyklus Singende Landschaften nach Gedichten von Margret Hölle durch Mismetti und de Brito im August 2001 zu schreiben: „Dies war eines der schönsten musikalischen Erlebnisse meines Lebens!" Renato Mismetti und Maximiliano de Brito schufen im Jahre 2000 mit Unterstützung der Bremer Apollon- Stiftung die Projekt-Reihe Poesie&Musik. Der Grundgedanke, Lyrik eines Kulturkreises in Vertonungen von Komponisten eines anderen Kulturkreises vorzustellen, dabei für die Konzertprojekte eines jeden Jahres auch neue Kompositionen anzuregen, brachte seitdem Musikliebhaber in Europa in intensiven Kontakt mit neuen Klang- und Empfindungswelten. Die positiven, ja begeisterten Reaktionen der Menschen bestärken Künstler und Organisatoren von der Richtigkeit des eingeschlagenen Weges, welcher der so beargwöhnten Globalisierung neue, ebenso wünschenswerte wie notwendige Facetten erschließt. Seit Jahren treten beide Künstler in europäischen Musik-Metropolen mit großem Erfolg auf. Sie gelten heute nicht nur als kulturelle Vertreter ihres Landes, sondern leisten als Künstler einen aktiven, ehrenvollen, wichtigen Beitrag zur Völkerverständigung. Ich freue mich, diese in besten Sinne völkerverbindenden Aktivitäten kennengelernt zu haben und übernehme gerne die Schirmherrschaft über das Projekt des Jahres 2002.
Grußwort Sabine Eichhorn Präsidentin der Deutsch-Brasilianischen Gesellschaft