Grußwort Dr. Edino Krieger Präsident der Brasilianischen Akademie für Musik Das     Projekt     Poesie&Musik     –     Brasilianische     Klänge     stellt     eine     der fruchtbarsten   Initiativen   zur   Erweiterung   des   Kunstlied-Repertoires   und Bekanntmachung   der   brasilianischen   Kultur   dar,   die   ich   bislang   in   meiner langen   Berufslaufbahn   erfahren   habe.   Das   Vorhaben,   durch   Poesie   und Musik    eine    kulturelle    Brücke    zwischen    Kontinenten    zu    schlagen,    ist sicherlich   nicht   einzigartig;   wer   jedoch   die   Arbeit   miterlebt,   die   ich   hier vorstellen     möchte,     weiß,     wie     geschmackvoll,     elegant,     sensibel     und kompetent    sie    durchgeführt    wurde.    Es    ist    außerdem    ungewöhnlich, Gedichte       in       ihrer       Originalsprache       von       Komponisten       anderer Muttersprachen   vertonen   zu   lassen.   Auf   diese   Weise   schaffen   Brasilianer Kompositionen      zu      deutscher      Poesie      wie      auch      deutschsprachige Neuschöpfungen   brasilianischer   Gedichte.   Komponisten   aus   Deutschland wiederum komponieren zu Werken brasilianischer Dichter. Das     Thema     des     diesjährigen     Projekts       ist     Amazonien     –     nicht     das mythische,    exotische    Amazonien    wilder    Abenteuerphantasien.    Es    wird eine    Region    gezeigt,    die    durch    menschliche    Gier,    Unachtsamkeit    und Unwissenheit    zu    großen    Teilen    zerstört    wurde,    die    sich    aber    dennoch mittels   tellurischer   Kraft   und   ihrer   Mysterien   von   der   „zivilisierten“   Welt losmachen    kann.    Ich    glaube    nicht,    dass    es    notwendig    ist,    hier    noch    mehr    zu    diesem    Thema    zu    sagen.    Die    für    dieses Konzertprogramm   mit   großem   Einfühlungsvermögen   ausgewählten   und   vertonten   Texte,   die   im   vorliegenden   Programmbuch   zu finden sind, sprechen bereits für sich. m   letzten   Jahr   hatte   ich   die   Ehre   und   das   Glück,   an   der   Reihe   Poesie&Musik     teilzunehmen   und   bei   der   Uraufführung   des   Projekts Welt      Welt      weite      Welt   in   Deutschland   dabei   zu   sein,   das   einen   von   mir   komponierten   Liederzyklus   zum   ersten   Mal   zum   Erklingen brachte.   Es   war   für   mich   bei   dieser   Gelegenheit   eine   beeindruckende   Erfahrung,   die   Arbeit   der   beiden   brasilianischen   Künstler Renato   Mismetti   und   Maximiliano   de   Brito     kennenzulernen,   die   nicht   nur   ausgezeichnete   Interpreten   sind,   sondern   außerdem wahre   Botschafter   der   Musik,   insbesondere   der   brasilianischen   Musik:   Ihre   Leistung   ist   wahrlich   herkulisch,   nicht   nur   in   Bezug   auf die   Konzeption   und   Durchführung   des   Projekts   an   der   Spitze   vieler   Mitarbeiter,   sondern   vor   allem   wegen   der   Interpretation   eines   so vielseitigen,   dichten   und   herausfordernden   Programms   wie   das,   welches   ich   bei   der   Uraufführung   des   Projekts   2002   miterleben durfte. In   diesem   Jahr     werden   beide   Künstler,   die   ihre   kreative   Energie   vor   allem   in   die   Verwirklichung   der   Brasilianischen   Klänge   stecken, durch    die    Teilnahme    dreier    herausragender    Musikerinnen    bereichert:    der    nordamerikanischen    Flötistin    Carine    Levine  ,    der deutschen   Cellistin   Cordula   Rohde     und   der   brasilianischen   Perkussionistin   Claudia   Sgarbi  .   Auch   dies   ist   ein   Beweis   für   die   positive Fortentwicklung   des   Projekts,   das   immer   größere   Anerkennung   und   Bewunderung   findet.   Ziel   ist   die   Erweiterung   des   Rahmens künstlerischer     Aktivitäten,     was     sich     vor     allem     in     der     Beteiligung     unterschiedlichster     Künste     und     Wissenschafts  bereiche niederschlägt.   Nach   und   nach   wurden   immer   mehr   Künstler,   Kulturwissenschaftler   und   Zuhörer   gewonnen,   die   Neuentdeckungen gegenüber offen sind und sich mit einer Welt, in der die Natur und alte kulturelle Traditionen bedroht sind, auseinandersetzen. Die    Entdeckung    unbekannter    Dichter  ,    die    Verwirklichung    einer    musikalisch-lyrischen    Hommage    an    berühmte    Poeten,    die sorgfältige   Textauswahl,   die   Konzeption   einer   ausgewoge  nen   Dramaturgie   sowie   die   Einbindung   reprä  sentativer   Komponisten zeitgenössischer    Musik    und    renommierter    Literaturwissenschaftler    und    Übersetzer    ist    eine    wirklich    bravouröse    Tat    aller Beteiligten,   und   das   umso   mehr,   als   ihre   Arbeit   im   Rahmen   einer   kleinen   privaten,   gemeinnüt  zigen   Institution   geschieht,   die   auf den   ehren  amtlichen   Einsatz   von   Personen   angewiesen   ist,   denen   das   geistige   Wohl   unserer   Welt,   die   immer   „globaler“   und   roher zu werden scheint, am Her  zen liegt. Ich    beglückwünsche      die    Apollon-Stiftung    für    dieses    idealistische    Vorhaben,    das    zweifellos    zu    einem    kreativen,    wirksamen Austausch   zwischen   Künstlern,   Publikum   und   Künsten   verschiedens ter   Kulturkreise   beiträgt.   Bewundernswert   ist   dieses   Projekt auch   wegen   seines   Einsatzes   für   Frieden   und   größeres   Verständnis   zwischen   ver schiedenen   Völkern,   Mentalitäten,   Sprachen   und Gefühlen – erst recht heutzutage, wo soviel über Globalisierung debattiert wird, freilich ohne imperialistische Haltung. Abschließend   wünsche   ich   allen  ,   dass   sie   dieses   anregende   und   bereichernde   poetisch-musikali  sche   Abenteuer,   das   von   so   fähigen, feinfühligen, mutigen Köpfen geleitet wird, genießen mögen.