Im Jahre 2001 wurde das Projekt Poesie&Musik fortgesetzt: Aus sieben Gedichten der bekannten deutschen Lyrikerin Margret Hölle schuf die brasilianische Komponistin Kilza Setti ihren Liederzyklus Singende Landschaften, gewidmet Renato Mismetti und Maximiliano de Brito. Der hundertste Geburtstag der großen brasilianischen Lyrikerin Cecília Meireles war Anlaß zur Vertonung einer Gedichtauswahl aus deren Crônica Trovada dos Índios durch die rumänische, seit vielen Jahren in Deutschland lebende Komponistin Violeta Dinescu. Beide Liederzyklen sind hochkomplexe Werke, sowohl für das künstlerische Niveau der Interpreten wie auch für die Zuhörer gleichermaßen fordernd. Bereits der Beginn des Programms schlug indessen das Publikum völlig in Bann: Während der kurzen Pausen zwischen den eröffnenden vier Lieder von Heitor Villa-Lobos konnte man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören; die Spannung entlud sich nach dem vierten Lied in rauschendem Applaus.

 Auf vier anschließende Lieder von Waldemar Henrique folgten – getrennt durch die Konzert-Pause – die beiden neu geschaffenen Liederzyklen von Kilza Setti und Violeta Dinescu; sie wurden jeweils mehrfach durch spontanen Beifall unterbrochen – bei Uraufführungen neuer Werke heute eine große Seltenheit! Interpreten, Dichterin und Komponistinnen konnten im glanzvollen Ambiente des Markgräflichen Opernhauses Bayreuth den tosenden Applaus des begeisterten Publikums entgegennehmen. Einen Glanzpunkt des Abends bildete die Mitwirkung der großen brasilianischen Schauspielerin Maria Fernanda, der Tochter von Cecília Meireles; höchst eindrucksvoll rezitierte sie eines der von Violeta Dinescu vertonten Gedichte ihrer Mutter in der Originalsprache, während die Dichterin Margret Hölle dazu in kongenialer Weise das deutsche Echo sprach.

Seinen Abschluß fand das Konzert mit der Uraufführung von Amazônia III mit Musik und Text von Marlos Nobre, ebenfalls den Interpreten gewidmet; der zum zweiten Mal als Gast der Apollon-Stiftung in Bayreuth anwesende Komponist bezeichnete Renato Mismetti und Maximiliano de Brito wegen ihres großen und ausdauernden Einsatzes für eine kulturelle Neuentdeckung Brasiliens als Heroen der brasilianischen Musik.

 Die Programmdramaturgie dieses Konzertes ist insofern gewagt, als sie Amazonien – entgegen möglicher Erwartung des Publikums von leichter Kost, zarten Harmonien und Vogelgezwitscher – gerade nicht als exotischer Phantasie entsprechende Traumlandschaft darstellt. Viele Zuhörer mögen aufgrund der von Thema und Kontext nahegelegten Lyrik und Sinnlichkeit überrascht gewesen sein von so ungewöhnlicher interpretatorischer Intensität, Tragik und auch schroffer Heftigkeit. Man muß die kaum verdeckte Ironie begreifen, mit der der Begriff Zauber im Titel des Programms eingesetzt ist, angesichts eines beispiellos brutalen Überlebenskampfes, in dem diese Region der Welt gegenwärtig steht: Blinde Raffgier führt dort noch immer zu rapide fortschreitender Verschärfung des sozialen Ungleichgewichtes, obendrein zu einer immer gefährlicheren Aushöhlung humaner Lebensgrundlagen. Eine ökologisch, menschlich, sozial wie auch ästhetisch so komplexe Problematik kann adäquate künstlerische Spiegelung nicht nur in einfachen Melodien und Vogelgezwitscher finden. Vor dem Hintergrund möglicher Publikums-Erwartung eines von kruder Realität gänzlich unberührten Abends muß das Vorhaben von Renato Mismetti und Maximiliano de Brito, sich nicht nur für Schönheit, sondern zugleich für Wahrheit einzusetzen, nochmals ausdrücklich hervorgehoben und gelobt werden.

Am Ende des mehr als zwei Stunden (!) dauernden Konzertes erzwang das begeisterte Publikum durch fast viertelstündigen Applaus eine Zugabe von den Interpreten.