Das Konzert-Projekt des Jahres 2002 ist zwei Jubilaren aus Südamerika und Europa gewidmet: Dem hundertjährigen großen brasilianischen Lyriker Carlos Drummond de Andrade und dem Österreicher Nicolaus Lenau, dessen 200. Geburtstag in diesem Jahre begangen wird. Lenaus unstetes, im besten Sinn romantisches Leben spiegelt sich in seiner von tiefer Sehnsucht und dem Gefühl der Heimatlosigkeit durchdrungenen Poesie; sie findet ein Gegenbild in Carlos Drummond, der jeden Menschen als Bruder anzusehen vermochte, weil er sich selbst in seinen Mitmenschen wie in einem Spiegel wiedererkannte: In seinem Canção amiga heißt es Ich gehe eine Straße,,die durch viele Länder führt. Wenn sie mich nicht sehen, sehe ich sie doch und grüße alte Freunde.  So geht die Programm-Dramaturgie Renato Mismettis von fünf Lenau-Vertonungen des jungen Alberto Nepomuceno aus, denen drei mal drei neu geschaffene Lieder auf Gedichte von Drummond gegenüberstehen, komponiert von Kilza Setti, Ricardo Tacuchian und Edino Krieger, dem Präsidenten der brasilianischen Musikakademie in Rio de Janeiro. Dieser Ablauf ist kontrastierend durchwirkt mit Liedern, deren Gedicht-Vorlagen von zwei prominenten Lyrikerinnen Brasiliens stammen, der Jubilarin des Vorjahres, Cecília Meireles, und unserer Zeitgenossin Hilda Hilst. Sind die je drei Lieder auf Verse von Hilda Hilst von deren Neffen, dem bedeutenden brasilianischen Tonsetzer Almeida Prado, komponiert, so schuf eine zweite Gruppe von Hilst-Liedern die seit langer Zeit in Deutschland lebende rumänische Komponistin Violeta Dinescu, die bereits 2001 einen Liederzyklus nach Versen von Cecília Meireles für das Konzert-Projekt Zauber Amazônia geschrieben hat.

Abgerundet wird das Programm durch drei Werke von Heitor Villa-Lobos, Norman Fraser und Marlos Nobre. In Villa-Lobos‘ Poema de Itabira, einem rhapsodischen, kantatenartigen Werk, besucht der Dichter Drummond quasi seine eigene Vergangenheit – die Komposition erklingt als Abrundung des ersten Teils vor der Pause. Marlos Nobre steuerte seine Drummond-Vertonung O Canto Multiplicado, eine Elegie an den großen Kollegen Federico García Lorca, zum Programm bei, die er als Kantate tragischen Charakters anlegte; er ist seit Beginn der Projektreihe im Jahre 2000 immer mit neuen Werken in den Programmen präsent, dokumentiert damit auch seinen Einsatz für die Idee des weltweiten Netzwerkes von Künstlern, deren Anzahl stets kummulieren soll.

 

Welche Bedeutung diesem Konzert-Projekt von prominenter Seite beigemessen wird, ist nicht nur aus der hochkarätigen Besetzung der mitwirkenden Musiker erkennbar: Das gilt auch für die Übersetzer der Lyrik und die Autoren der Werkeinführungen und der Lebensbeschreibungen von Dichtern und Komponisten, die sämtlich Originalbeiträge zum Programmheft geliefert haben. Unter ihnen sind Persönlichkeiten wie die in Brasilien berühmte Sprachwissenschaftlerin, Theater-Kritikerin und Shakespeare-Übersetzerin Bárbara Heliodora und der Doyen der deutschen Übersetzer von portugiesisch-sprachiger Lyrik, Curt Meyer-Clason. Diese beiden in der internationalen Literatur-Szene prominenten Persönlichkeiten werden ebenso zur Uraufführung der neuen Werke persönlich zum Uraufführungskonzert in Bayreuth anwesend sein, wie auch die sechs Komponisten, die für das Projekt schöpferisch tätig waren.